Seemannschaft, mal gut, mal weniger gut

Heute möchte ich gerne zwei Erlebnisse schildern, um den Unterschied zwischen guter und weniger guter -ehrliche Leute würden „schlechte“ sagen- Seemannschaft zu erörtern. Gestern lagen wir ja ziemlich in der Hafeneinfahrt von Joinville, mit einem proppenvollen Hafen. Zu späterer Stunde ist noch ein Segler ( eine ältere Amel Maramu) mit 14 m Länge mit 2 Personen Besatzung in den Hafen eingefahren. Die Skipperin stand am Steuer und ihr Mann war etwas unbeholfen. Sie wollte an uns anlegen, und unsere Crew stand sofort auf dem StB Schwimmer parat, hat mit Fendern ausgeholfen, die Leinen angenommen, das Schiff von unserem Vornelieger abgehalten und die Leinen belegt. Die wirklich sehr kompetente Skipperin hat mir nachher berichtet, dass sie das Schiff seit drei Monaten besitzen, einen Motorschaden hatten und dass ihr Mann noch nicht so große (eher keine) Seemännischen Erfahrungen hat. Und sie hat mir ausdrücklich zu der guten Seemannschaft der Crew der Belle Ile gratuliert, insbesondere der Jungen Leute (wen immer sie damit gemeint haben könnte). Was für eine tolle Seemannschaft sie an den Tag gelegt hatten bei der unprätentiösen sofortigen Hilfe für sie beim Anlegen. Das fand sie wirklich toll.

Das Gegenteil ist uns heute untergekommen. Nach einer etwas stürmischen und aufregenden Überfahrt mit bis zu 11 kn Fahrt durchs Wasser und Böen bis 33 kn waren wir froh, dass der Hafenmeister von Pornichet uns seinen letzten Liegeplatz zugewiesen hat, längsseits an einem stählernen Motorboot von ca. 16 m Länge. Der Hafenmeister empfing uns auch gleich bei der Hafeneinfahrt mit seinem Schlauchboot, und deutete auf die Stahlyacht, an der wir festmachen sollten. Wir drehten noch, um den Bug mehr in den immer noch starken Wind zu bekommen und nahmen Kurs auf den Liegeplatz. Der Skipper der holländischen Stahlyacht kam auch gleich aus seinem Steuerhaus raus, und ich freute mich, dass schnell eine Vorspring liegen würde, die Olli dem älteren Herren zielgerichtet zuwarf. Aber was für eine böse Überraschung. Der Holländer warf die Leine zurück und sagte wir sollen hier nicht anlegen, mit der vorgeschützten Begründung, dass der Hafenmeister das nicht wollte. Wohlgemerkt, der Hafenmeister war neben uns, aber das konnte der Holländer nicht sehen. Da wir in dem Hafen durch den Wind auf einen hinter uns liegenden Trimaran vertrieben wurden, haben wir uns nicht weiter von unserem Vorhaben abbringen lassen an dem Stahlschiff anzulegen. Nachdem er noch eine zweite Leine wieder zurückgeworfen hat, haben wir kurzerhand Linus auf dem Stahldampfer abgesetzt, und unter wüsten Beschimpfungen über unsere angebliche seglerische Unfähigkeit hat sich Linus nicht abschrecken lassen, so wie es sich gehört, die Vorspring zu belegen, so dass wir zunächst mal sicher lagen. Seine Frau hat ihren holländischen Skipper dann mit mehr oder weniger Gewalt davon abgehalten unsere Leinen wieder loszumachen. Mittlerweile hat er aber mitbekommen, dass der Hafenmeister uns den Platz zugeteilt hatte und zog sich unter weiteren wüsten Beschimpfungen, diesmal auf Englisch, in sein Steuerhaus zurück. Wir haben dann unsere Leinen so weit belegt, incl. zweier Landleinen unter Mithilfe des Hafenmeisters.

Um die Situation zu deeskalieren habe ich die bewährte Pfalzweindiplomatie angewandt. Eine Flasche Wein, am Steuerhaus geklopft, mit der Frau etwas Niederländisch gepraatet unter skeptischen Blicken des Skippers, und schon war die Situation wieder etwas entspannter. Mittlerweile hat er sich beruhigt und wir haben gemeinsam die Leinen so belegt, nichts mehr quitscht und schlägt. Hätte aber auch gleich so sein können…..

Leider dient dieser Vorfall nicht unbedingt dazu meine (höchstwahrscheinlich unberechtigten) Vorurteile über Motorbootfahrer abzubauen.

Ansonsten war heute ein sehr interessanter Tag mit Wind, Atlantikdünung, hohen Geschwindigkeiten und Begegnungen mit der Großschifffahrt, incl. einer Unterhaltung mit einem Lotsenboot über Funk, das uns um einen gerade von der Reede ablegenden Dampfer herum gelotst hat. Alles in einer nüchternen, professionellen Art. Beate hat schon mehrfach angemerkt, wie sehr sie die Verbindlichkeit, das klare Sprechen in ganzen Sätzen und die Professionalität der Hafenmeister, Lotsen, Großschifffahrtsoffiziere am Funk, also aller Nautiker hier, schätzt.

Rauschefahrt in der Atlantik-Dünung.

Bleibt unserem Blog treu, wir melden uns wieder

Euer Skipper Hägar, der heute besonders stolz ist den Kindern, Neffen und Enkeln gute Seemannschaft beigebracht zu haben 😉

2 Gedanken zu „Seemannschaft, mal gut, mal weniger gut“

  1. Genau, die hööööchstwahrscheinlich unberechtigten Vorurteile 😉 Leinen wieder losgeworfen zu bekommen hatte ich jetzt auch noch nie… tz… ich bin sprachlos!

    Ich hoffe der Abend in der Bar hat sich gelohnt und eure Reffcrew wurde fürstlich entlohnt für die Held:innentat!

    BTW, geht euer Speedo nach oder hattet ihr einen Knoten mitlaufenden Strom?

    Euch allen noch viel Spaß!
    Cheers, euer CI

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